
Seit Dezember letzten Jahres haben wir Mütter in der Schweiz und Deutschland anonym befragt, wie sie die Zeit nach der Geburt erlebt haben. Jetzt liegen die Ergebnisse vor: 99 Mütter haben mitgemacht. Was sie beschrieben haben, rüttelt auf.
Rund 60 Prozent der Mütter geben an, sich nach der Geburt «eher» oder «sehr» überfordert gefühlt zu haben. Am häufigsten genannt:
Auf die Frage, was am meisten geholfen hat, nennen die Frauen fast immer zuerst ihre Hebamme: Im Wochenbett für 92 Prozent die wichtigste Ansprechperson, gefolgt von Partner:innen (85,9 %) und der Familie (58,8 %). In den Antworten liegt viel Dankbarkeit: Die Hebamme sei «immer erreichbar» gewesen, «wohlwollend und auf mich abgestimmt», habe «viel Druck genommen». Darin steckt schon viel vom Rezept für gute Begleitung: Jemand ist da, ohne dass man dafür kämpfen muss. Es ist immer dieselbe Person. Sie begegnet einem als Mensch.
Gefragt, was im Wochenbett zusätzlich gefehlt hat, nennen die Mütter vor allem praktische Entlastung im Alltag: jemand, der kocht, wäscht, Geschwisterkinder betreut, oder einfach ein paar Stunden da ist. Dazu kommen der Wunsch nach mehr Ruhe und weniger Erwartungen, nach emotionaler Begleitung und einer ehrlicheren Vorbereitung auf die Realität des Wochenbetts.
«Wie soll man genesen nach einer OP und dennoch gut zum Baby schauen – und vom Haushalt ganz zu schweigen.»
Die Belastung endet nicht mit dem Wochenbett. Über 30 Prozent der Befragten kämpfen auch danach noch mit körperlichen Beschwerden, über 40 Prozent mit ihrer mentalen Gesundheit. Dazu kommen folgende Themen:
«Ich war überfordert mit Baby und Kleinkind, als mein Mann eine Woche ins Militär musste. Ich habe verschiedene Optionen der Unterstützung probiert, aber nichts hat geholfen. […] Ich hatte schon Personen, mit denen ich reden konnte, wurde teilweise vertröstet – es sei normal mit so kleinen Kindern – beziehungsweise es gab keine guten Lösungen.»
«Die höchsten Hochs neben den tiefsten Tiefs. An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, jetzt habe ich alles im Griff und es läuft bei uns, und am nächsten fühlte ich mich völlig verloren.»
Auf die Frage, was sie sich für diese Zeit gewünscht hätten, antworten die Mütter unter anderem:
«Ich hätte mir gewünscht, dass sich mal jemand kümmert, nachfragt.»
«Mehr Unterstützung von anderen Menschen ausser dem Partner, auch wegen der Einsamkeit.»
Auch nach dem Wochenbett bleibt die Hebamme mit 57 Prozent die wichtigste Anlaufstelle. Daneben nutzen die Frauen folgende Angebote:
Nur 6 Prozent nahmen gar keine Unterstützung in Anspruch – 64 Prozent empfanden die genutzte Unterstützung als «eher» oder «sehr» hilfreich.
Fast jede dritte befragte Frau berichtet zudem von Themen, über die sie mit niemandem sprechen konnte – am häufigsten psychische Belastung, Selbstzweifel und das Gefühl, keine gute Mutter zu sein. Genau diese Themen laufen Gefahr, unentdeckt zu bleiben: Was nicht ausgesprochen wird, wird nicht erkannt. Und was nicht erkannt wird, wird nicht behandelt.
Diese erste Umfrage ist für uns der Ausgangspunkt für alles, was jetzt folgt. Als Nächstes suchen wir das Gespräch mit Fachpersonen, die im System selbst arbeiten und laden sie im März zu einem gemeinsamen Workshop ein, um erste Lösungsansätze zu entwickeln.
Wir halten dich auf dem Laufenden.