April 2026

Wo Fachpersonen Lücken sehen - und wie sie sie schliessen würden

Nach der Umfrage unter Müttern wollten wir die andere Seite hören: Wie erleben die Menschen, die im System arbeiten, die Zeit nach der Geburt?

Darüber haben wir mit über zwanzig Fachpersonen aus den Bereichen Hebammenwesen, Gynäkologie und Geburtshilfe, Pädiatrie, Physiotherapie, Psychotherapie, Eltern- und Entwicklungsberatung, Pflege, Sexualtherapie, Versicherungen und betriebliches Gesundheitsmanagement gesprochen.

Am 24. März 2026 haben wir 12 Vertreter:innen aus neun Fachbereichen in Basel zu einem Co-Creation-Workshop eingeladen, um die Erkenntnisse aus der Umfrage interdisziplinär zu diskutieren und konkrete Lösungsansätze zu entwickeln.

Formal vollständig, aber praktisch schwer zugänglich

Ein Satz aus den Vorgesprächen hat sich uns eingeprägt: Das System ist formal vollständig, aber teilweise wenig zugänglich. Die Zuständigkeiten sind geregelt – von der Hebamme über die Gynäkologie bis zur Mütter- und Väterberatung in jeder Gemeinde. Die Lücke entsteht dort, wo Frauen diese Angebote nicht erreichen, die Qualität stark variiert, oder die Stellen kaum voneinander wissen. Eine Fachperson beschrieb es so:

«Strukturell wäre keine Lücke vorhanden […]. Die Problematik sehe ich darin, dass es Frauen gibt, die nicht an die Information zu diesen Diensten kommen […]. Ein weiteres Problem ist, dass die Qualität dieser Dienste sehr unterschiedlich ist und untereinander kaum Austausch stattfindet.»

Die Koordination zwischen den Stellen bleibt damit oft an der Mutter hängen – ausgerechnet dann, wenn ihr am wenigsten Kraft dafür bleibt.

Nicht Wissen fehlt, sondern Einordnung

Ein zweiter roter Faden aus den Gesprächen: Information ist heute im Überfluss vorhanden. Was fehlt, ist eine Stelle, die hilft einzuordnen, was im eigenen Fall wichtig ist – und die Rückversicherung, dass das eigene Handeln genügt. Das deckt sich exakt mit dem, was wir schon in unserer ersten Umfrage gehört haben: Der meistgenannte Wunsch der Mütter war eine Antwort auf die Frage «Was ist normal?».

Über alle Fachbereiche hinweg wird zudem die mentale Gesundheit als grösste ungedeckte Lücke genannt – bei Müttern wie bei Vätern. Als Gründe nennen die Fachpersonen eine fehlende Bewusstseinskultur, die hartnäckige Vorstellung, die erste Zeit mit Baby sei grundsätzlich eine glückliche, und die daraus entstehende Hemmschwelle, über Schwierigkeiten zu sprechen.

Der Workshop: Gemeinsam Lösungen entwickeln

Im Workshop selbst haben wir diese Erkenntnisse entlang zweier Mutter-Personas durchgespielt: Was würde gute Unterstützung ausmachen – einmal mit unbegrenzten, einmal mit knappen Ressourcen? In den Diskussionen entstand schnell eine gemeinsame Stossrichtung.

Verdichtet sind daraus zwei erste Lösungsoptionen entstanden:

  1. Eine digitale, persönliche Begleitung, die passende Angebote vermittelt und Mütter über verschiedene Kontaktpunkte hinweg begleitet.
  2. Ein "Dorf"-Konzept: Eine Kombination aus digitaler Plattform und physischem Ort, angebunden an lokale Fachpersonen.

Ebenso wichtig war den Teilnehmenden, was es nicht braucht: keine zusätzliche mentale Last, keine weitere App im Sinne einer Tipps-Sammlung, keine Vergleiche mit anderen Müttern und eine klare fachliche Abgrenzung gegenüber Hebammen, Psychotherapie und weiteren Fachbereichen.

Diese zwei Lösungsoptionen sind für uns noch keine fertigen Konzepte, sondern Hypothesen. Im nächsten Schritt wollen wir sie direkt bei Müttern testen: Würde sie das erreichen? Was würden sie tatsächlich nutzen?

Wir halten euch auf dem Laufenden!

Danke

Wir danken den Teilnehmenden des Workshops für ihr Engagement, ihre fachliche Perspektive und dass sie die Initiative von Anfang an begleiten: 

Und wir danken uma collective (Zürich) für die wertvolle Unterstützung in der Recherche, der Gestaltung und Moderation des Workshops sowie allen weiteren Fachpersonen und Eltern, die uns in Gesprächen ihre Sicht geschenkt haben.